Doku über die Abschiede-Odyssee der Roma-Brüder Kefaet

Martina Schürmann WAZ 31.1.2016


Die Brüder Selami (26), Hikmet (34) und Kefaet (31) Prizreni (von li.) hoffen auf eine gemeinsame Zukunft in ihrer Heimat Essen.

Die Essener Roma-Brüder Selami und Kefaet Prizreni wurden vor fünf Jahren in den Kosovo abgeschoben. Ihr Schicksal ist nun Thema eines Dokumentarfilms.

Die gemeinsame Geschichte der Roma-Brüder Kefaet und Selami Prizreni und des Regisseurs Sami Mustafa beginnt vor über fünf Jahren auf dem Flughafen von Priština. Dass aus dem kurzen Interview, das Mustafa damals mit den gerade aus Essen abgeschobenen Brüdern für Pro Asyl führt, am Ende ein gemeinsamer Film werden soll, stellt sich erst viel später heraus. Am Montag hat „Trapped by Law“, die Geschichte einer jahrelangen Odyssee von Essen über den Balkan und zurück im Astra-Kino Premiere.

Für Kefaet und Selami ist es das vorläufige Finale einer mehrjährigen Irrfahrt, aber noch lange kein Happy End. Seit 2014 sind sie wieder in Essen, wo Selami, der jüngste der drei Brüder vor 26 Jahren geboren wurde, wo die Eltern leben, der älteste Bruder Hikmet, wo Freunde sind, die sich mit einer Unterschriften-Sammlung gerade dafür einsetzen, dass Selami und Kefaet trotz abgelehntem Asylantrag bleiben können. Die Brüder hoffen nun auf Hilfe von oberer Stelle. Zur Filmpremiere am Montag ist Oberbürgermeister Thomas Kufen eingeladen, nach der Vorstellung soll mit einer Juristin und einem Migrationsforscher diskutiert werden.

Aber natürlich werden die Brüder Prizreni auch Musik machen, zusammen mit alten Essener Kumpels von der „Banda Senderos“ und anderen Bands. Ihr „HipHop-Hooray“- Projekt, das sie vor ein paar mit Hilfe von Unicef im Kosovo gestartet haben, um dort Jugendlichen verschiedener Nationalitäten eine Stimme zu geben, soll schließlich weitergehen. Mit der Unterstützung von Unperfekthaus-Gründer Reinhard Wiesemann wollen sie das Roma-Art-Action-Projekt auf den Weg bringen. Ein Haus am Pferdemarkt könnte künftig die interkulturelle Verständigung fördern, mit Musikprojekten, Sprachvermittlung und Kunst in der Nordstadt.

Im Quartier rund ums Generationenkulthaus fühlen sie sich Zuhause. Auf dem Balkan seien sie sich bestenfalls „wie Touristen“ vorgekommen, sagt Selami. Angekommen sind sie nie. Im Kosovo bleiben sie Fremde. Es gibt keine Verwandten, keine Wurzeln, keine Perspektive. Die ersten Monate verbringen sie noch in dem Glauben, dass das alles nur ein Albtraum ist, der bald zu Ende geht und sie wieder nach Haus können.

Der Albtraum beginnt am 17. März 2010, als Beamte ihrer Schilderung nach unangekündigt vor der Tür stehen. Kefaet und Selami werden in Abschiebehaft genommen und im Blitzverfahren in den Kosovo gebracht Sie leisten keinen Widerstand, weil sie das alles für einen Irrtum halten. Schließlich sind sie in Essen aufgewachsen, zur Schule gegangen, Kefaet hat hier zwei kleine Kinder. Eine Erklärung haben sie nach eigenen Angaben bis heute nicht. Sie versuchen, auf dem Rechtsweg zurück nach Deutschland zu kommen und erfahren erst nach Monaten von einer jahrelangen Einreisesperre. Jeder scheinbare Ausweg wird zur Sackgasse, bald fühlen sie sich gefangen im Dickicht der Bürokratie: „Trapped by Law.“

Debatte um Abschiebung neu anstoßen

Mit dem Film wollen sie die Debatte um Abschiebung und sichere Herkunftsländer neu anstoßen, die in diesen Tagen an Schärfe gewonnen hat. „Aber der Balkan ist nicht sicher“, meint zumindest Selami. Jedenfalls nicht für Roma wie ihn und Bruder Kefaet, dessen Pass von serbischen Grenzbeamten einfach zerrissen wird. Es bleibt nicht die einzige Aggression. Und trotzdem starten sie ihr HipHop-Projekt eines Tages mitten in Priština und fangen an zu rappen. „Die hätten uns steinigen können, aber die waren einfach baff“, erzählt Kefaet.

Drei Jahre begleitet Filmemacher Mustafa die Brüder immer wieder, trifft sich sogar mit der Familie in Essen, die Geld schickt und verzweifelt versucht, die Söhne nach Hause zu holen. Am Ende kennen Selami und Kefaet nur noch einen Ausweg. Mit Tausenden von Flüchtlingen machen sie sich auf den Weg über die Balkanroute. 2014 sind sie wieder in Essen, versuchen sich seitdem, ein neues altes Leben aufzubauen. „Wir wollen kein Mitleid, sondern Anerkennung“, sagt Selami. Die Musik soll den Weg ebnen.

Link zum Trailer:

http://www.roma-service.at/dromablog/?p=35076